Bessere Versorgung für Sachsen-Anhalts Landesnorden
26.02.2026 - Magdeburger Forschungsverbund untersucht, wie wissenschaftliche Erkenntnisse schneller bei Patientinnen und Patienten ankommen – Modellregion im Norden Sachsen-Anhalts.
Neue Forschungsergebnisse sind nur dann hilfreich, wenn sie auch im Alltag ankommen. Genau hier setzt der neue Forschungsverbund „Implementierungsforschung Sachsen-Anhalt“ (ISA) der Universitätsmedizin Magdeburg an. Ziel ist es, wissenschaftlich belegte Verbesserungen der medizinischen und psychosozialen Versorgung systematisch in die Praxis zu überführen und Strategien für strukturschwache Regionen zu entwickeln. Nord-Sachsen-Anhalt dient dabei als Modellregion für ländlich geprägte Versorgungsräume in Deutschland.
Warum neue Wege in der Versorgung benötigt werden
Sachsen-Anhalt steht vor besonderen Herausforderungen: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag 2024 bei 48,2 Jahren und ist damit das höchste aller 16 Bundesländer. Gleichzeitig liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 82 Jahren für Frauen und 76 Jahren für Männer. Mit der demografischen Entwicklung steigt der Bedarf an medizinischer und psychosozialer Versorgung. Zugleich bestehen strukturelle Herausforderungen: In einigen ländlichen Regionen dauern Fahrten zu spezialisierten medizinischen Angeboten mehr als eine halbe Stunde. Hinzu kommt ein geschätzter Investitionsbedarf von rund 146,6 Millionen Euro jährlich für Krankenhäuser.
Der Forschungsverbund ISA will deshalb Wege finden, erprobte Maßnahmen – etwa klare Behandlungsabläufe oder digitale Unterstützung – erfolgreich in der Praxis einzusetzen. Dabei arbeiten das Institut für Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Otto-von-Guericke-Universität und die Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Magdeburg gemeinsam.
„Es gibt viele wissenschaftlich geprüfte Ansätze, die die Versorgung verbessern können. Unser Ziel ist es zu verstehen, warum sie nicht optimal genutzt werden und wie wir ihre Anwendung in der Praxis erleichtern können“, sagt Institutsdirektor Prof. Dr. Dr. Christian Apfelbacher.
Klinikdirektor Prof. Dr. Florian Junne ergänzt: „Gerade im Bereich psychischer Gesundheit kann digitale Unterstützung helfen, Hemmschwellen abzubauen und Rückmeldungen im Alltag zu ermöglichen. Wir prüfen, wie solche Angebote sinnvoll in die Regelversorgung integriert werden können.“
Drei Projekte – von Notfallversorgung bis psychische Gesundheit
Der Forschungsverbund bündelt drei Schwerpunkte, die unterschiedliche Bereiche der Versorgung betrachten:
• Teilprojekt A – Notfall- und Intensivmedizin: Hier wird geprüft, wie empfohlene Behandlungsstandards in Kliniken umgesetzt werden, z.B. der bundeseinheitliche Medikationsplan zur besseren Abstimmung von Arzneimitteln, einheitliche Koststufen für Menschen mit Schluckstörungen (Dysphagie), eine kombinierte Ernährungs- und Bewegungstherapie für Patientinnen und Patienten mit chronisch fortgeschrittenen Lebererkrankungen und Sarkopenie und die empfohlenen Diagnoseverfahren von akuter Verwirrtheit (Delir) bei älteren Patientinnen und Patienten in Notaufnahmen.
• Teilprojekt B – Psychosomatische Medizin: Untersucht wird die Umsetzung von Unterstützungsangeboten bei psychischen und psychosozialen Beschwerden, darunter Maßnahmen zur Suizidprävention, digitale Fachberatung per Video (Telekonsile) und elektronische Tagebücher, in denen Betroffene etwa Stigmatisierung, hitzebedingte Beschwerden oder Schutzverhalten dokumentieren können.
• Teilprojekt C – Ländliche Kohorte Sachsen-Anhalt (LäKoSA): In einer Bevölkerungsbefragung wird über einen längeren Zeitraum hinweg erhoben, wie Menschen ab 40 Jahren im nördlichen Sachsen-Anhalt medizinische Versorgung wahrnehmen und welche Bedarfe bestehen. Durch wiederholte Befragungen entsteht ein Bild über Versorgungslücken, Inanspruchnahme und regionale Besonderheiten.
Die Daten zum Versorgungsstand werden auf interaktiven Karten zugänglich gemacht. Verbundübergreifend entwickelt das Team zudem ein Messinstrument, mit welchem sich die Bereitschaft von Gesundheitsfachkräften zur Einführung neuer Verfahren einschätzen lässt. Parallel läuft eine Studie zur Nutzung elektronischer Patientenberichte (ePROMs), d.h. strukturierter Rückmeldungen von Patientinnen und Patienten zu ihrem Gesundheitszustand, die in medizinische Entscheidungen einfließen können.
Bedeutung für Patientinnen, Patienten und das Gesundheitssystem
Die Einführung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Diagnostik und Behandlung stößt in der Praxis mitunter auf Hürden. Häufig sind dafür Schulungen, technische Ausstattung oder geeignete Datenschutzlösungen erforderlich. Die Forschung des ISA-Verbundes setzt hier an und leistet damit einen entscheidenden Beitrag: Sie untersucht systematisch Bedarfe und Hindernisse bei der Umsetzung und entwickelt darauf aufbauend Strategien, die Einrichtungen dabei unterstützen, neue Verfahren oder Standards praxistauglich einzuführen. So kann medizinische Versorgung auf Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgen.
Davon profitieren Patientinnen und Patienten durch eine hochwertige und passgenaue Behandlung sowie durch verbesserte Unterstützungsangebote bei psychischen Belastungen. Gleichzeitig trägt dies dazu bei, medizinische Angebote stärker an regionale Bedürfnisse anzupassen und das Gesundheitssystem insgesamt nachhaltig zu stärken.
Der Verbund wird aus Mitteln der Europäischen Union gefördert (EFRE Sachsen-Anhalt).
Weitere Informationen unter www.isa-ummd.de

Foto: Das Team des interdisziplinären Forschungsverbundes „Implementierungsforschung Sachsen-Anhalt“ (ISA) der Universitätsmedizin Magdeburg. Fotograf: privat
Pressetext: FME/OVGU Magdeburg












