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Pressemitteilung

Magdeburg stärkt Forschung zur Behandlung neuropsychologischer Erkrankungen

Neuropsychologe Prof. Dr. Tino Zähle übernimmt W3-Professur für Medizinische Psychologie an der Universitätsmedizin Magdeburg.

Viele Menschen kennen das Gefühl bleischwerer Erschöpfung, die auch nach ausreichend Schlaf nicht besser wird – ein Symptom, das Fachleute als Fatigue bezeichnen. Millionen von Menschen, die an Multipler Sklerose, Morbus Parkinson oder den Folgen einer COVID-19-Erkrankung leiden, kennen diesen Zustand aus ihrem Alltag. Eine wirksame Behandlung fehlt bislang. Genau hier setzt die Forschung von Prof. Dr. Tino Zähle an, der zum 1. Juli 2026 den Ruf an die Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg angenommen hat und die W3-Professur für Medizinische Psychologie besetzt. Seit 2023 führte er das gleichnamige Institut bereits kommissarisch.

Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen Verfahren, mit denen das Gehirn gezielt und ohne Operation von außen beeinflusst werden kann. Ziel ist es, neue Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit neurologischen und neuro-psychiatrischen Erkrankungen zu entwickeln und Symptome wie Konzentrationsstörungen oder krankhafte Erschöpfung zu lindern.

Dafür verwendet Prof. Zähle sogenannte nicht-invasive Hirnstimulationsverfahren. Bei diesen Methoden wird das Gehirn über Elektroden auf der Kopfhaut mit schwachen elektrischen Impulsen stimuliert, um die Aktivität bestimmter Hirnregionen gezielt zu aktivieren oder zu hemmen. Die Verfahren, darunter die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) und die transkranielle Wechselstromstimulation (tACS), gelten international als vielversprechender Forschungsansatz. Was Magdeburg auszeichnet, ist die Verknüpfung dieser Grundlagenforschung mit konkreten klinischen Anwendungen: Prof. Zähle und sein Team haben bereits nachgewiesen, dass solche Verfahren die lähmende Erschöpfung bei Multipler Sklerose messbar lindern können.

Darüber hinaus erforscht Prof. Zähle die Auswirkungen der Tiefen Hirnstimulation (THS), die unter anderem bei Parkinson eingesetzt wird. Dabei untersucht er insbesondere, wie sich die Therapie auf Denken, Emotionen und Verhalten der Patientinnen und Patienten auswirkt, um die Behandlung langfristig weiterzuentwickeln.

 

Erschöpfung als unterschätztes gesellschaftliches Problem

Fatigue zählt zu den häufigsten und zugleich am wenigsten verstandenen Symptomen zahlreicher neurologischer und chronischer Erkrankungen. Allein in Deutschland leben etwa 200.000 Menschen mit Multipler Sklerose, rund drei Viertel von ihnen sind von Fatigue betroffen. Hinzu kommen viele Long-COVID-Erkrankte, deren Alltag von anhaltender Erschöpfung geprägt ist. Für viele Betroffene fehlen bislang wirksame und individuell angepasste Therapien.

„Fatigue ist mehr als Müdigkeit. Sie kann Menschen so stark einschränken, dass selbst einfache Alltagsaufgaben zur Herausforderung werden. Unser Ziel ist es, durch gezielte Stimulation des Gehirns neue Wege zu finden, diese Erschöpfung zu lindern und damit Betroffenen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben“, erklärt Prof. Zähle.

Mit modernen Verfahren wie Elektroenzephalografie (EEG) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) will sein Team die biologischen Grundlagen von Fatigue künftig noch genauer untersuchen.

 

Stärkung des Neurostandorts Magdeburg

Mit der Berufung von Prof. Zähle baut die Universitätsmedizin Magdeburg ihre Stellung in der neurowissenschaftlichen Forschung weiter aus. Der Neuropsychologe ist mit seinem Labor für nicht-invasive Neuromodulation in nationale und internationale Forschungsnetzwerke eingebunden, darunter das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) am Verbundstandort Magdeburg, Halle und Jena.

„Mit Prof. Zähle gewinnen wir langfristig einen ausgewiesenen Experten, der Grundlagenforschung und klinische Anwendung auf hervorragende Weise verbindet. Seine Arbeit stärkt nicht nur unsere neurowissenschaftliche Forschung am Standort Magdeburg, sondern eröffnet auch neue Perspektiven für die Versorgung von Menschen mit neurologischen Erkrankungen“, betont Prof. Dr. Daniela Dieterich, Dekanin der Medizinischen Fakultät Magdeburg.

Neben der Forschung legt Prof. Zähle großen Wert auf praxisnahe Lehre: Zukünftige Ärztinnen und Ärzte sollen lernen, wissenschaftliche Studien kritisch zu bewerten – eine Fähigkeit, die im medizinischen Alltag über Behandlungsentscheidungen mitentscheidet.

 

Zur Person

Prof. Dr. phil. Tino Zähle, geboren 1976, studierte Psychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, an der er sich 2017 habilitierte. Nach seinem Diplom wechselte er an die Universität Zürich, an der er promovierte und insgesamt acht Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. 2012 übernahm er die Leitung der Sektion Neuropsychologie an der Universitätsklinik für Neurologie Magdeburg. Dort etablierte er eine Arbeitsgruppe, die sich mit nicht-invasiver Neuromodulation, Fatigue-Forschung sowie den neuropsychologischen Auswirkungen neurologischer Erkrankungen beschäftigt. Als Gastwissenschaftler machte er unter anderem an der Harvard Medical School Station.

 

Foto: Prof. Dr. Tino Zähle erforscht neue Ansätze der nicht-invasiven Hirnstimulation, um Symptome wie Fatigue, Konzentrationsstörungen und weitere Folgen neurologischer Erkrankungen gezielt zu behandeln. Fotografin: Sarah Kossmann/Universitätsmedizin Magdeburg